Eine österreichische Apotheken-Gruppe

Hauptsache gesund - Krimi von Eva Holzmair

Teil 1:

Inspektor Lukas Lucinsky sitzt vorm Computer. Seine Lider schmerzen. Schlafen ist alles, was er denken kann. Und natürlich Lilli! Lilli …

- I zeigen, wos hilft. Derf i?

Nicht schon wieder Tunka mit ihrem Gesundheitsfimmel! Nur um sie rasch loszuwerden, brummt Lucinsky: Von mir aus. Da fasst sie schon nach seinen Ohrläppchen und zieht kräftig daran. Autsch! Hör sofort auf mit dem Blödsinn, faucht er die Putzfrau an.

- Nix Bledsinn. Gutsinn.

- Das Wort Gutsinn gibt’s net.

- Ka Logik, net in Sprach, net in Oarbeit.

Dabei deutet sie auf die Notizzettel, Kugelschreiber, leergetrunkenen Pappbecher und fleckigen Papierservietten rund um die mit Bröseln übersäte Tastatur. Lucinsky massiert seine malträtierten Ohren.

- Ist das eine deiner bosnischen Radikalkuren?

- Nix Bosnien. Emina. Paulus.

- Kenn i net. 

- Und du wollen werden große Polizist.

- Tunka!!!

Gerade heute möchte Lucinksy nicht daran erinnert werden, wie jung er ist. Und unerfahren. Die Putzfrau lenkt ein:

- Emina is Kind von Dragan seine Schwester. Paulus is, wo ihr Oarbeit.

- Dort werden Ohren langgezogen?

Tunka verdreht die Augen, lässt sich dann aber doch zu einer Erklärung herbei. So erfährt Lucinsky, dass Paulus eine Apotheke sei – glei do unten, net in Simmering, oba fast – und ohne Emina, dieser Leuchte der Arzneimittelkunde, vor die Hunde gehen würde. Von Emina stamme auch der Rat, bei Müdigkeit mindestens fünf Mal an den Ohrläppchen zu ziehen und diese zu massieren. Lucinsky nickt ergeben und rubbelt weiter.

- I no machen Tee. Speziale Rezept von meine Mama.

- Neiiin.

Aber da ist Tunka samt Mopp und Kübel bereits aus dem Zimmer. Entnervt blickt ihr der junge Inspektor nach. Von Leibnitz nach Wien ist er gezogen, um seiner gluckenhaften Mutter zu entkommen, und schwuppdiwupp umsorgt ihn die nächste. Wenn er wenigstens von einer heißen Nacht erschöpft wäre! Aber nein, er ist es vom Zuhören. Gestern baggerte er die süßeste Frau seines Lebens an, und die wollte nichts anderes als reden. Noch dazu über ihren Ex! Statt diese Lilli ihren Kummer alleine ertränken zu lassen, saß er wie angeklebt auf dem Barhocker, nur um weiter in ihre Augen zu schauen. Tiefgrün wie die Mur nach der Schneeschmelze. Überflutung inklusive.

Schluss mit dem Ohrläppchenkneten und anderem Schwachsinn! Er muss noch die gefühlt zwanzigste Anzeigebestätigung schreiben. Lucinsky lädt das Formular hoch. Irgendein Idiot ritzt seit Tagen derbe Zeichnungen in die Motorhauben geparkter Autos. Komisch, er fühlt sich nun tatsächlich munterer. Seine Ohren kribbeln. Und erst die Finger. Jetzt Lilli. Nicht daran denken. Tippen! Schaden entstanden durch. Lilli. Nein. Unbekannte Täter. Das ist wie mit dem rosa Elefanten. Vorfallszeit. Wenn dir einer sagt, du sollst nicht an einen rosa Elefanten denken … Vorfallsort …, taucht überall sein Rüssel auf.

Stopp! Ein Häferl mit der Aufschrift ‚Lucky‘ wird zwischen Kugelschreiber und Post-its abgestellt.

– Du des trinken!

Es gibt nichts Abturnenderes als Tee. Lucinsky ist überzeugt, dass sich die Briten, wären sie reine Teetrinker, nie fortgepflanzt hätten. Er nippt. Da zieht’s einem ja alles zusammen! Nun hält ihm Tunka auch noch ein Blatt Papier hin. Unter der Kopfzeile team santé paulus apotheke sind Gesundheitstipps angeführt. Einen hat Tunka mit Rotstift eingekreist: Steigen Sie von Kaffee auf Gemüsesäfte und Grüntee um. Das macht nicht nur munter, sondern schützt langfristig auch Ihre Gesundheit. Selbst ohne Polizeischule hätte Lucinsky gewusst, dass der Ratschlag von Emina stammt.

- Des i geben auf Maschin!

Und fort ist sie. Lucinsky grinst bei dem Gedanken, welche Kommentare Eminas Empfehlung auf dem Kaffeeautomaten des Stadtpolizeikommandos Simmering hervorrufen wird. Er tippt die Anzeigebestätigung zu Ende. Dann geht er hinaus zum Schalter, wo der geschädigte Herr Horak schon ungeduldig wartet.

- Und für den Wisch ham S‘ so lang braucht?

- Heut is viel los.

Wie zur Bestätigung ertönt Tunkas Stimme. Normalerweise erreicht sie diese Lautstärke, wenn auf einem gerade erst gereinigten und daher noch feuchten Belag frische Schuhabdrücke hinterlassen wurden. Doch diesmal reißt der anschwellende Ton abrupt ab, gefolgt von dumpfem Gepolter. Lucinsky rennt zur Kaffeeküche. Hinter ihm Gruppeninspektorin Julia Bernhaupt. Tunka liegt auf dem Boden, neben ihr ein Handy, das schluchzt wie Lilli nach dem fünften Tequila. Während sich Julia um Tunka kümmert, hebt Lucinsky das Handy auf.

- Hier Inspektor Lucinsky.

Das Schluchzen endet ebenso abrupt wie vorhin Tunkas Schreien. Lucinskys Frage, wer denn am anderen Ende sei, bleibt unbeantwortet. Er schaut zu Tunka, die allmählich wieder zu sich kommt. Sein Blick wandert weiter zum Kaffeeautomaten, auf dem der sorgsam ausgeschnittene Gesundheitstipp klebt.

- Emina?

Nach einer Pause hört er ein leises Ja.

- Was ist passiert?

- Tunkas Mama ist tot. Und alle glauben, ich bin schuld. Bitte helfen Sie mir. Sonst bringen sie mich um.

- Wer?

Statt einer Antwort hört er nur ein Schluchzen, das verdammt nach Lilli klingt.