Eine österreichische Apotheken-Gruppe

Krimi von Sabina Naber Teil 3

Krimi Teil 3

Die Sanitäter hievten den noch immer hochroten Mann auf die Bahre und trugen ihn hinaus.

Der Notarzt musterte indessen die wilde Tänzerin und das Mädchen im Vorhang. „Was ist denn da bei Ihnen los?“, fragte er und sah der Reihe nach Vicky, Bekki, Frau Pütz und Frau Fels an.

Frau Pütz zog ihn kommentarlos zum verschleierten Häufchen Elend bei der Terrassentür.

„Da!“, rief Bekki. Sie zeigte auf eine Frau, die fotografierte.

Frau Fels stürmte zu ihr, die Fotografin setzte zur Flucht an, aber Frau Fels packte sie gemeinsam mit zwei anderen Team Santé-Mitgliedern und versuchte, das Objektiv abzudecken. Die Fotografin schrie etwas von Orgie und Drogenparty und Öffentlichkeit. Der Manager des Hauses erschien und schleppte sie nach draußen, wobei ihr die schwarze Perücke vom Kopf fiel und lange, blonde Haare zum Vorschein kamen.

Keuchend kam Frau Fels zurück. „Verdammt, woher hat diese Gaunerin gewusst, dass …?“

„Frau Fels“, unterbrach sie Vicky, „Ich glaube, das alles hier ist ein abgekartetes Spiel. Wer will Ihnen, also Ihnen allen schaden?“

Frau Fels zuckte mit den Schultern sowie auch rund ein Dutzend andere, die keine Symptome von Wahnsinn aufwiesen und sich um sie gesammelt hatten.

„Okay, ich bin Polizistin. Und es ist mein Job herauszufinden, was da nicht koscher ist. Helfen Sie mir?“ Nicken rundherum. „Gut. Offenbar haben wir es hier mit Drogenopfern zu tun. Darf ich Sie bitten festzustellen, wer tatsächlich Symptome aufweist?“

Wiederum nickten alle und schwärmten aus.

Vicky setzte sich an einen der verwaisten Tische und atmete einmal tief durch. Der ganze Wahnsinn hatte begonnen, als sie von ihrem Rundgang durch den Kursalon zurückgekehrt war. So weit, so gut. Was war vorher gewesen? Die Nachspeise, die Rede – ha! Die Verteilung des hauseigenen Magenbitters. Den hatten aber alle außer Bekki und sie getrunken. Wieso war also nur ein Teil der Gäste auf einem Trip? Hm, es waren zwei Tabletts gewesen.

Sie klatschte um die Aufmerksamkeit ihrer Sonderermittler. „Bitte stellen Sie soweit es geht auch fest, wer sich von welchem Tablett ein Glas vom Magenbitter genommen hat. Von der rothaarigen oder von der anderen Kellnerin.“ Wiederum Nicken.

Ja, denn das war die einzige Erklärung, die ihr momentan durch den Sinn ging: ein Tablett mit normalem Magenbitter, eines mit angereichertem. Doch womit war der Digestif versetzt geworden? Ihre Zeit als Streifenpolizistin war doch schon ein paar Jahre her, die Stippvisite bei der Drogenfahndung ebenfalls, und doch hatte sie so ein Gefühl: Ecstacy, die Partydroge schlechthin, die, gelinde gesagt, zu Verschiedenem anregte, aber auch Panikattacken und Herzrasen erzeugte. So viel zu dem armen Mann mit dem Bluthochdruck.

Bekki setzte sich zu ihr. „Du glaubst also, dass eine der beiden Kellnerinnen etwas in den Digestif gegeben hat?“

Vicky nickte und sah Frau Fels auf sich zukommen, die meinte: „Wie es scheint, steht ziemlich genau die Hälfte unter Drogen.“

„Irgendwelche Gemeinsamkeiten der Opfer? Selbe Apotheke? Oder einmal gemeinsam ein Seminar besucht? Irgendwas in der Art.“

Frau Fels lachte. „Bitte entschuldigen Sie, aber bei über hundertzwanzig Personen?“

„Gut, dann war es vom Täter ein Schuss ins Blaue. Gehen wir also die einzelnen Apotheken durch. Wären Sie so lieb und holen Sie von jeder einzelnen jemand Ansprechbaren und im besten Fall auch autorisierten zu mir her?“

Die nächste halbe Stunde verbrachte Vicky mit Schnelleinvernahmen von Vertreterinnen der Team Santé-Apotheken, wodurch sie so nebenbei eine Reise zu den schönsten Gebieten von Österreich absolvierte: in der Steiermark mit Leibnitz und Hausmannstätten, in Kärnten mit Villach, Klagenfurt und Wolfsberg, wo gleich zwei Apotheken Mitglied waren, Burgenland mit Eisenstadt, Niederösterreich mit Wiener Neudorf, Wien mit drei Mitgliedern und schließlich das Salzburgische mit Altenmarkt im Pongau. Von Frau Hahn aus Leibnitz erfuhr sie, dass der Synergieeffekt bei Organisation und Marketing erfreulich viel Zeit freisetze, die man für die individuelle, nein, viel mehr maßgeschneiderte Kundenberatung verwenden könne, die nun inzwischen das Markenzeichen der Team Santé-Apotheken sei. Sie hatte vor Begeisterung rote Wangen. Und Bekki nickte bei der Schilderung ununterbrochen freudig und bestätigend.

Frau Pütz aus Eisenstadt, wie sich nun herausstellte, schwärmte in derselben Tonart.

„Ja, das finde ich wirklich toll“, unterbrach Vicky sie. „Aber ist in letzter Zeit irgendetwas Außergewöhnliches vorgefallen? Wir suchen einen Täter, Frau Pütz!“

„Wenn Sie mich so fragen – eine angehende Krimiautorin war bei uns und hat recherchiert. Ich habe ihr alles gezeigt, habe ihr alles über uns und die Gruppe erzählt. Sehr nette Frau. Und sehr hübsch. Mit langen blonden Haaren.“

„Sehr schön.“ Vicky sah langsam jede Hoffnung dahinschwinden.

Frau Pütz bekam große Augen. „Sie hat mich übrigens ausführlich nach unserem Jahrestreffen hier und heute ausgefragt.“

„Lange, blonde Haare?“, fragte Bekki.

Vicky betrachtete die Schwarzhaarperücke, die beim Saaleingang lag.