Eine österreichische Apotheken-Gruppe

Krimi von Sabina Naber Teil 4

 

Teil 4

Vicky stürmte aus dem Saal und suchte hektisch nach dem Manager des Kursalons. Der berichtete, dass er und seine Mannen die Bilder auf der Kamera der vermeintlichen Fotografin gelöscht, ihre Personalien aufgenommen und die Dame vor die Tür gesetzt hätten.

„Haben Sie auch ihr Handy kontrolliert?“

Ein mitleidiges Lächeln war die Antwort. „Was glauben Sie, was damals bei der After-Show-Party von Robbie Williams los war? Wir verstehen unseren Job.“

Sie fragte nach dem Namen der Frau, kehrte zu Bekki, Frau Fels und Frau Pütz zurück und gab Entwarnung. „Wenigstens hat das alles keine medialen Konsequenzen.“

„Wenn sie es nicht sofort über das Handy auf Facebook oder Instagram gestellt hat“, gab Bekki zu bedenken.

„So viel Zeit hatte sie nicht“, munterte Vicky die Runde auf. „Aber wer ist diese Helena Kadlec? Irgendwer hier muss sie kennen.“

Frau Pütz seufzte. „Bei mir hieß sie Sabine Raben. Und beides sagt mir nichts, weder Raben noch Kadlec.“

Vicky startete eine neue Runde mit allen Vertreterinnen der Team Santé-Apotheken und fragte sie nun nach den beiden Namen beziehungsweise nach einer etwa dreißigjährigen Frau mit langen blonden Haaren, die sich in jüngster Zeit in irgendeiner Form verdächtig benommen hatte. Das Ergebnis war erschütternd, da gleich null.

Der Notarzt gesellte sich zu ihnen. „Ich habe das Schleiermädchen ruhigstellen können. Klassische Panikattacke. Und ich habe auch die beiden Tänzerinnen in entspanntere Gefilde ihres Trips gebracht. Aber im Prinzip müssen da jetzt alle durch. Ich schätze, dass es sich um eine MDMA-Variante handelt. Höchstwahrscheinlich Ecstacy. Ich benötige jetzt bitte die Personalien aller Anwesenden. Missbrauch von Suchtmittel.“ Er wirkte sehr amtlich.

Frau Fels sprang auf. „Lieber Herr Doktor, das können Sie nicht machen!!!!“

Er zog die Augenbraue in die Höhe. „Sie irren, bei Missbrauch muss ich das sogar machen.“

Frau Fels setzte sich und versank mit ihm in ein getuscheltes Gespräch.

„Sie ist bei uns in der Schwenk-Apotheke für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig“, erklärte Bekki.

„Wir müssen das alles zu einem Offizialdelikt machen“, erklärte Vicky. „Sonst habe ich keine Chance, diese Raben oder Kadlec zu verhören.“

„Wenn Sie wirklich meinen“, murmelte Frau Pütz.

Sie versanken in Schweigen. Und Vicky suchte verzweifelt nach einem Ausweg, diese lieben Leute nicht in ein Ermittlungsverfahren involvieren zu müssen.

„Eine der beiden Kellnerinnen hat doch vielleicht was damit zu tun, hast du gemeint“, sagte Bekki zu Vicky, „und ich weiß jetzt, woher mir das Gesicht von der, die wie ein Pferd ausschaut, so bekannt vorgekommen ist.“

„Genau die ist mir auch bekannt vorgekommen“, jubilierte Vicky.

„Das ist das Gesicht vom alten Beranek. Von diesem grantigen, unhöflichen …“

„Arroganten, bissigen Besitzer der Stern-Apotheke“, ergänzte Vicky. Sie erinnerte sich bestens an ihren letzten Besuch ebendort, als der alte Beranek sie wegen ihrer pubertären Pickel verhöhnt hatte. Seitdem war sie mitsamt ihrer Familie konsequent die siebenhundert Meter weiter zur Schwenk-Apotheke marschiert.

„Und der hat eine Tochter, die Gerda. Das Pferdegesicht. Zwei Klassen oberhalb von uns“, fuhr Bekki fort.

„Die Kellnerin“, brachte es Vicky auf den Punkt. „Und die hatte doch eine Freundin! Die schöne Helena! Apotheke. Das passt doch! Wir müssen sie befragen!“

Erneut stürmte sie zum Leiter des Kursalons. Der ließ zwar sofort nach der Aushilfe suchen, doch die war verschwunden, mitsamt dem Tablett.

Bekki eilte zu ihr. „Ich habe ihnen von unserem Verdacht berichtet. Sie glauben es nicht, weil kein Apotheker so etwas machen würde.“ Sie verdrehte die Augen. „Komm! Worauf wartest du noch? Wir klären das jetzt!“

Kurze Zeit später verließen sie in Meidling die U-Bahn und rannten zur Apotheke des alten Beraneks. Sie war geschlossen. Die Räumlichkeiten konnte man mieten. Eine Seltenheit für eine Apotheke, die doch immer Nachfolger fand. Vicky studierte die Namensschilder des Zinshauses und stellte fest, dass die Beraneks selbst darin wohnten, wahrscheinlich sogar die Besitzer waren. Wild entschlossen klingelte sie bei sen. und kündigte sich als Polizistin an. Summerton. Im dritten Stock stand die Eingangstür offen. Im Kaminzimmer trafen sie auf den alten Beranek. Er lehnte müde in einem Ohrensessel und hatte ein Glas Whiskey in der Hand.

„Ich weiß schon, dass es nicht geklappt hat.“ Er hob die Hand und funkelte sie an. „Aber lassen Sie Gerda und Helena in Ruhe, die beiden können nichts dafür. Es war mein Plan.“

„Aber warum, Herr Beranek?“

„Konkurs. Diese Santé-Leute haben mir all meine Kunden abgezogen. Mit ihrer widerlichen, klebrigen Freundlichkeit. Sie sollten auch einfach einmal wissen, wie es ist, wenn einem keiner mag.“

„Vielleicht haben Sie die Kunden selbst einfach mit ihrer widerlichen Unfreundlichkeit vertrieben?“, meinte Bekki.