Zum Hauptinhalt springen

Gudrun Lerchbaum: Nachtdienst (Teil 1)

Als Senta auf den Parkplatz vor der Team Santé Apotheke Wieneu im Gewerbegebiet von Wienerneudorf einbog, sah sie Robert Meller aus seinem in die Jahre gekommenen goldenen Mercedes steigen. Die alte Dreckschleuder – das Auto wohlgemerkt – stand in krassem Gegensatz zum ökologischen Sendungsbewusstsein, das der Apotheker bei jeder anderen Gelegenheit vor sich hertrug. Doch was ging sie das an. Jeder hatte so seine Macken.

Sie parkte neben der Goldkutsche an der überdachten Seite des Gebäudes und rieb sich die Augen. Eine schlaflose Nacht lag hinter ihr, Baldrian hin, Melatonin her. Man sollte meinen, es könne nicht schwer sein, etwas von dem guten Stoff abzuzweigen, wo sie doch praktisch an der Quelle saß. Leider wachten die hier über ihre Drogen, als wären schon andere Leute auf solche Ideen gekommen. Ihre Vorgängerin als Putzfrau beispielsweise, die dafür jetzt vor Gericht stand.

Meller verschwand durch den Personaleingang am hinteren Eck des Gebäudes. Senta stieg aus ihrem Spuckerl und beeilte sich, um hinter ihm durch die Tür zu schlüpfen, bevor die zufiel. Kaum hatte sie den Backoffice-Bereich betreten, zerriss ein Schrei aus der Richtung des Nachtdienstbüros ihren morgendlichen Tran. Senta zögerte. Sie wollte nicht wirklich sehen, was dort auf sie wartete. Doch was blieb ihr übrig? Sie hastete an Pausenraum und Labor vorbei und erstarrte auf der Schwelle. Kläglich wimmernd sank drinnen der Meller neben dem schmalen Bett in die Knie, auf dem, ausgestreckt fast wie im Schlaf, die Apothekerin Didem Yilmaz lag. In der Luft hing ein Geruch, der in Senta unangenehme Erinnerungen an die Schlachttage auf dem elterlichen Hof weckte.

Sie seufzte. „Ist sie …?“

Als könnte es daran einen Zweifel geben. Senta blickte hinunter auf den Meller, der neben den Beinen seiner Kollegin zusammengebrochen war, nur Zentimeter vom Rand der Blutlache entfernt, die sich aus dem klaffenden Schnitt am Hals der Apothekerin über die rote Steppdecke und bis auf den Boden ergoss. Ergossen hatte. Nur noch an wenigen Stellen glänzte das Blut feucht. Didem Yilmaz’ Haut war so grau wie ihre Filz-Sneakers.

Senta seufzte erneut beim Gedanken, dass sie es sein würde, die das ganze Blut aufwischen musste. Sie schlug ein Kreuz. Dann nahm sie ihr Handy aus der Tasche und wählte den Notruf.

„Senta?“, fragte die Chefinspektorin. „Senta Berger? Wirklich? Wie die Schauspielerin?“

Ergeben senkte Senta den Blick, nickte, und verfluchte still ihre Eltern, wie jedes Mal, wenn sie ihren Namen nennen musste. Dass die Chefinspektorin mit sichtbarer Mühe all die Bemerkungen hinunterschluckte, die Senta schon tausendfach gehört hatte, rechnete sie ihr hoch an. Blond steht Ihnen besser. Schluck. Sie sehen sich gar nicht ähnlich, haha. Schluck. Beruflich hatten sie es aber schon besser getroffen. Schluck.

„Frau … Berger. Ist es üblich, dass Sie als Reinigungskraft erst auftauchen, knapp bevor die Apotheke öffnet?“ Als hätte die Chefinspektorin die Antwort nicht längst vom Meller gehört, den sie vor ihr befragt hatte.

„Ich hab noch keinen Schlüssel, bin erst seit kurzem hier. Vertrauen braucht Zeit. Meine Vorgängerin hat sich anscheinend bei den Beruhigungsmitteln bedient.“

„Verstehe.“ Die Chefinspektorin lächelte. „Aber die Frau Yilmaz wäre ja da gewesen, im Nachtdienst.“

Senta zuckte mit den Schultern. „Ich komme jeden Tag um dieselbe Zeit. Zwei Stunden am Vormittag und zwei am Abend. Heute fang ich mit den Fenstern an.“

Die Chefinspektorin musterte sie. „Wenn Sie noch nicht lange hier arbeiten, haben Sie einen frischen Blick. Da fällt Ihnen sicher einiges auf, was anderen entgeht. Sie hören das eine oder andere Gespräch mit …“

Sag’s doch, dachte Senta: Weil die Leute durch Reinigungspersonal hindurchsehen. Damit hätte die Chefinspektorin einerseits recht und andererseits präzise erfasst, warum Senta auch diesen Job in gewisser Weise liebte. Schon während des Studiums der Theaterwissenschaften hatte sie bei Putzjobs unbeobachtet Material für ihre Seminararbeiten sammeln können. Eines Tages würde sie ein Stück schreiben, das es in sich hatte. Oder einen Roman. Oder die Informationen auf andere Weise zu Geld machen. Wissen ist Macht, und den Dreck der anderen wegzuputzen verleiht mehr davon, als man gemeinhin glaubt.

„Ich interessiere mich nicht für Klatsch und Tratsch.“ Senta lächelte unschuldig.

„Mir ist wirklich viel an Ihren Beobachtungen gelegen, Frau Berger. Wie war denn beispielsweise das Verhältnis zwischen Frau Yilmaz und Herrn Meller? Der Arme scheint ja ganz untröstlich.“

„Woher wissen Sie davon?“ Dass die Polizistin offenbar innerhalb weniger Minuten herausgefunden hatte, was ihr selbst erst nach Wochen aufgefallen war, kränkte Senta. Oder hatte die Chefinspektorin nur im Trüben gefischt? „Hat der Magister Meller das Verhältnis zugegeben? Obwohl er verheiratet ist?“

Die Chefinspektorin ignorierte ihre Frage. „Was meinen Sie, wie lange ging das schon zwischen den beiden?“