Gudrun Lerchbaum: Nachtdienst (Teil 2)
Chefinspektorin Julia Radić senkte ihr Handy und nickte ihrem Partner bedeutungsvoll zu. „So schnell haben wir noch keinen Fall aufgeklärt.“ Sie stand auf und streckte sich. Die zierlichen Sitzgelegenheiten im Pausenraum der Apotheke waren nicht für Leute wie sie gemacht. „Schick zwei Uniformierte los! Lass sie die Kameras checken – Parkplatz, Kreuzung und so weiter mit Hauptaugenmerk auf den goldenen Mercedes des Apothekers. Und dann hol mir den Herrn noch einmal herein!“
Sie packte die sieche Topfpflanze und verfrachtete sie auf die Kommode. Eine für die Befragung des Verdächtigen angemessen nüchterne Atmosphäre wollte sich angesichts des weihnachtlich gemusterten Tischläufers trotzdem nicht einstellen.
Als Apotheker Robert Meller den Pausenraum betrat, schien er sich nur mit Mühe auf den Beinen zu halten und kollabierte auf dem angebotenen Sessel. „Wir müssen aufsperren“, behauptete er mit monotoner Stimme, „draußen warten schon Leute.“
Die Chefinspektorin hob die Brauen. „Das ist jetzt nicht Ihre größte Sorge, Herr Magister!“ Interessiert beobachtete sie Mellers Hände, die sich in trockenen Waschbewegungen wanden. „Ich sehe, sie waschen Ihre Hände in Unschuld. Wegen des Mordes an ihrer Kollegin? Oder weil sie vorhin vergessen haben, uns von Ihrem Verhältnis mit ihr zu erzählen?“
Er erstarrte. „Meinem … Verhältnis?“
„Panscherl, Affäre, Romanze, intime Beziehung …“, soufflierte Julias Kollege, bis sie ihn mit einer Handbewegung stoppte.
„Unsinn“, rief der Apotheker, „unsere Beziehung war rein kollegial! Wir kennen uns schon ewig, haben uns auf einer Fortbildung getroffen, als ich noch als Aspirant in der Team Santé Apotheke Hausmannstätten war. Hören Sie“, Meller lehnte sich vor, die Unterarme auf dem Tisch, Verzweiflung im Blick. „Ich bin verheiratet!“
„Ich weiß. Ich habe gerade mit Ihrer Frau telefoniert. Sie meint, Sie wären nach dem Abendessen in den Nachtdienst gefahren. Sie hatten aber gar keinen Nachtdienst.“
Meller stützte die Stirn in die Hand und seufzte.
„Na?“
Er kaute auf seiner Unterlippe. „Ich habe den Nachtdienst eines Kollegen in der Germania Apotheke in Wien 15 übernommen.“
„Wir werden also weder Sie noch Ihren Wagen in den Aufzeichnungen der Verkehrskameras hier im Umkreis entdecken?“
Meller fuhr auf. „Welche Kameras? Ist das nicht verboten?“
„Nein, verboten wäre es, wenn Sie den öffentlichen Raum überwachen. Wir dürfen.“
„Egal, was sie finden – ich habe nichts zu tun mit Didems Tod!“
„Warum lügen Sie dann?“
„Okay.“ Meller wirkte geschlagen. „Ich habe meine Frau belogen. Sie müssen das verstehen! Sie ist grundlos eifersüchtig. Ich brauche nicht jedes Mal eine Szene, wenn ich abends das Haus verlasse. Deshalb schütze ich gelegentlich Nachtdienste in anderen Team Santé Apotheken vor. In der Germania oder der Paulus Apotheke in Wien, der Stadtapotheke in Schwechat, der Salvator Apotheke in Eisenstadt, was halt halbwegs in der Nähe ist. Einmal bin ich sogar in der Adler Apotheke in Krems eingesprungen, aber das war echt.“
„Erfindungsreich! Jetzt fehlt mir nur noch die Info, was Sie in Wahrheit währenddessen getan haben.“
Meller schwieg, inspizierte seine verschränkten Finger. Langsam kamen der Chefinspektorin Zweifel. Der Mann war kein Trottel. Hätte er seine Kollegin getötet, würde er wohl mit einer halbwegs konsistenten Geschichte aufwarten. Zumal er anscheinend ein geübter Lügner war.
Sie krachte ihre Hand auf den Tisch. „Die Wahrheit jetzt! Raus mit der Sprache!“
Meller zögerte. „Sie haben recht“, flüsterte er, „ich war hier. Aber es ist nicht, wie Sie denken!“ Er räusperte sich. „Frau Magister Yilmaz und ich haben bis nach Mitternacht an einem neuen Therapeutikum gearbeitet.“
„Was ist das für ein tolles Medikament, für das Sie sich die Nacht um die Ohren schlagen?“
Der Apotheker presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. „Ich darf nicht darüber sprechen. Das ist vertraglich vereinbart. Nur so viel: Wenn dieses Präparat auf den Markt kommt, wird es auch ihr Leben verändern!“ Das kurze Aufglimmen in seinen Augen erstarb. „Aber wie soll ich ohne Didem nur weitermachen?“
Chefinspektorin Radić blies die Luft aus. „Irgendwelche Beweise werden Sie mir für ihre Behauptungen schon liefern müssen! Vorher noch eine Frage: Wo waren Sie den Rest der Nacht?“
„Gegen eins war ich daheim.“
„Ihre Frau behauptet das Gegenteil.“
„Was?“ Mellers Entsetzen wirkte ungespielt. „Wir haben doch noch miteinander gesprochen, als ich heimgekommen bin!“
„Was hat sie gesagt?“
„Dusch dich wenigstens, bevor du ins Bett kommst! Das habe ich getan. Als ich aufgestanden bin, hat sie noch geschlafen.“
„Könnte sie das Haus in der Zwischenzeit verlassen haben, um Frau Yilmaz zu konfrontieren?“