Gudrun Lerchbaum: Nachtdienst (Teil 3)
Robert Meller stützte sich auf den Esstisch und ließ nach diesem grauenhaften Tag seinen Tränen freien Lauf. Am Morgen hatte er seine Kollegin mit durchschnittener Kehle im Nachtdienstzimmer gefunden, danach nicht nur den Schmerz über ihren Tod, sondern auch noch stundenlange Befragungen und Verdächtigungen ertragen müssen. Und jetzt fiel seine Frau über ihn her.
„Ein Glück, dass mich diese Polizistin angerufen hat“, schrie sie. „Du hättest mir wieder kein Wort erzählt!“
Das war ja wohl die Höhe! „Wie konntest du nur behaupten, dass ich die ganze Nacht weg war?“
„Weil es dir rechtgeschieht! Wollte sie die Affäre beenden? War sie auch unzufrieden mit deiner Performance? Hast du sie deshalb umgebracht?“
Robert hielt sich den Kopf. „Ich? Bist du irre? Ich dachte, du wärst endgültig ausgezuckt in deiner unnötigen Eifersucht … Und was heißt überhaupt auch unzufrieden?“
„Was? Du denkst, ich könnte jemanden umbringen wegen dir?“ Schnaubend wandte Nora sich ab und versenkte sich mit Blick in den Garten in eine ihrer Atemübungen. Er wusste, es war besser, sie dabei nicht zu stören. Schließlich ließ sie sich auf das Sofa fallen. „Du sagst mir jetzt die Wahrheit, sonst bin ich weg!“
„Ich sag doch die Wahrheit!“, hörte er sich jammern. Er zog einen Bordeaux aus dem Weinregal, öffnete ihn und nahm einen Zug aus der Flasche, bevor er zwei Gläser füllte und sich neben Nora setzte. „Na schön, zugegeben, ich war in der Apotheke! Nicht nur diesmal, aber …“
Nora schnaubte. „Klar, zufällig immer dann, wenn diese Didem Nachtdienst hatte.“
Er seufzte. „Nicht zufällig! Didem und ich haben mit einer Kollegin aus der Pinzgau Apotheke Saalfelden an einem bahnbrechenden Therapeutikum gearbeitet.“
„Wie originell! Nachtarbeit an Abführzäpfchen? Für wie blöd hältst du mich?“ Nora trommelte mit den Fingern auf den Sofatisch.
„Keine Zäpfchen.“ Unwillkürlich senkte er die Stimme. „Schwör mir, dass du niemandem auch nur ein Wort verrätst!“
Sie verdrehte die Augen.
„Bei regelmäßiger Einnahme kann Immortelle …“ Robert zögerte. Nora trommelte. „Es kann den Alterungsprozess einfrieren“, wisperte er. „Didem hat es an sich selbst getestet und …“
„Quatsch!“ Nora sah ihn an, als erwarte sie, dass er gleich April, April! rufen würde. „Wie soll das funktionieren?“
„Muss ich dir jetzt was von seneszenten Zellen, Enzymen und Telomeren erzählen oder konzentrieren wir uns aufs Wesentliche? Es geht um Leben und Tod!“
„Ah, haben sich die Telomere gegen euch gewandt und deiner Kollegin die Kehle aufgeschlitzt?“
„Witzig!“ Robert nahm einen tiefen Schluck. „Sophia ist deshalb ebenfalls schon gestorben.“ Er sah sich um, als könnte sich ein Lauscher hinter der Kücheninsel verstecken.
„Sophia? Die Kollegin aus Team Santé Hausmannstätten?“
„Saalfelden! Dr. Sophia Haider. Von ihr stammt ursprünglich die geniale Idee zu dem Mittel. Sie und Didem kennen sich … kannten sich von der Uni. Ich war so geschmeichelt, dass sie mich dazugeholt haben. Du kannst dir nicht vorstellen, um wie viel Geld es da geht!“
„Doch“, sagte Nora und strich sich die Nasolabialfalten glatt, „kann ich!“
„In den ersten Wochen war noch ein Kollege aus der Tauern-Apotheke in Altenmarkt mit von der Partie. Aber der wollte nur mitschneiden, nicht mitarbeiten. Wir haben ihm vorgemacht, das Projekt wäre gestorben und zu dritt weitergemacht, in jeder freien Minute. Bis Sophia vor vier Monaten in ihrer Wohnung einem unerklärlichen Herztod erlegen und erst Tage später entdeckt worden ist.“
„Grauenhaft! Das war sicher der Arbeitsüberlastung geschuldet.“
„Du bist ja so lustig heute! Sie ist tot! Und ihr Laptop samt sämtlichen Aufzeichnungen ist verschwunden? Das hat Didem beim Begräbnis von Sophias Familie erfahren. Jemand muss nachgeholfen haben! Nicht alle Gifte können bei einer Obduktion Tage später noch nachgewiesen werden. Eine Überdosis GHB vielleicht, von einem Besucher ins Getränk gemischt? Was hätten wir machen sollen? Wir waren nur x-beliebige Kollegen, die einander bei einer Fortbildungsveranstaltung kennengelernt haben. Niemand weiß von unserem Projekt und das muss auch so bleiben! Es geht schließlich um Milliarden.“
„Aber wer …?“ Nora nahm Roberts Hand. „Warte! Der geschasste Kollege aus der Tauern-Apotheke!“ Sie langte nach ihrem Telefon. „Wie hieß der?“
„Jo. Johannes Graf.“ Robert schluckte Tränen der Dankbarkeit, seine Frau in diesem Albtraum wieder an seiner Seite zu wissen. „Aber du glaubst doch nicht …“
Nora wischte über das Display. „Ist er das?“
Ungläubig starrte Robert auf den Instagram-Beitrag, der Jo Graf und eine dunkelhaarige Frau Arm in Arm in einem Rahmen aus bunten Herzen zeigte. „Aber das ist ja …!“