Gudrun Lerchbaum: Nachtdienst (Teil 4)
Robert starrte auf den Instagram-Post, den Nora ihm unter die Nase hielt. Das Bild zeigte Jo Graf unter dem Titel verliebt, verlobt … mit einer dunkelhaarigen Frau im Arm glücklich lächelnd in einem Rahmen aus bunten Herzen. „Das ist sie, eindeutig!“
„Wer denn, um Himmels willen?“
„Na, Senta, die neue Reinigungskraft in der Apotheke!“
„Ach, Senta Berger?“ Nora schüttelte den Kopf. „Was sich die Eltern gedacht haben, sie nach einer berühmten Schauspielerin zu nennen? Höchste Zeit, dass die den Herrn Graf heiratet!“
„Daraus wird wohl nichts mehr werden.“
„Du denkst: Sie hat deiner Kollegin die Kehle aufgeschlitzt? Sie schaut so harmlos aus.“ Die Augen rund vor Schreck griff Nora sich an den Hals. „Ob sie auch in Saalfelden geputzt hat? Glaubst du, sie hat auch Sophia auf dem Gewissen?“
Robert brachte kein Wort heraus. Er hatte Jo Graf vielleicht nicht für den besten Apotheker, aber doch für einen netten Kerl gehalten. Auf wie vielen Fortbildungen hatten sie miteinander an der Bar gesessen? Er presste die Lider aufeinander, doch die Tränen flossen trotzdem.
„Jo!“, schniefte er. „Warum mussten wir ausgerechnet ihn ins Team holen? Wir hätten den Peter aus der Barbara Apotheke in Wolfsberg oder die Silvia aus der Oberen Apotheke in Villach fragen sollen. Auch Mara von der Obelisk Apotheke in Klagenfurt oder Zejlko aus der Activa in Wolfsberg wären besser geeignet gewesen. So viele Möglichkeiten und wir wählen ausgerechnet einen Mörder! Ich denk an Puneet aus der Apo Krems in Voitsberg oder Lola aus der Linden Apotheke in Leibnitz. Was hätten sie für diese Chance …“
„Robert!“ Sanft rüttelte Nora an seinen Schultern. „Wir müssen die Polizei verständigen, sofort!“ Sie hielt inne. „Nur eine Frage noch: Du hast doch sämtliche Forschungsergebnisse?“
„So!“ Chefinspektorin Julia Radić beugte sich vor, legte die Unterarme auf den Tisch, der sie von der Beschuldigten trennte, und verschränkte die Hände. „Dann mal raus mit der Sprache, Frau Berger! Ihr Verlobter sitzt nebenan und packt vor den Kollegen aus. Warum haben Sie Sophia Haider und Didem Yilmaz ermordet?“
„Was? Ich war das nicht! Ich war noch nie im Leben in Saalfelden.“
„Ihr Verlobter behauptet, Sie hätten ihn zu der Tat gedrängt. Sie hätten bereits Kontakt mit einem Silicon-Valley-Investor aufgenommen, der sich für sogenannte Longevity-Forschung interessiert.“
Senta zuckte mit den Schultern. „Das stimmt! Damals, als Jo noch im Immortelle-Team war. Irgendjemand muss sich ja um die Verwertung kümmern, oder was glauben Sie, wie man reich wird? Nur durch Arbeit doch wohl kaum!“
Seufzend nickte die Chefinspektorin. „Er hat also Kontakt mit diesem Amerikaner aufgenommen. Und dann?“
„Bevor er auch nur einen Cent hergibt, will er Ergebnisse sehen, hat der Ami gesagt. Da war Jo aber nicht mehr im Team. Er nimmt also Kontakt zur Haider auf, weil er die am längsten kennt. Sie gehen miteinander essen, plaudern gemütlich. Beim Absacker in ihrem Wohnzimmer kommt er dann aufs Geschäftliche zu sprechen. Und die lacht ihn beinhart aus!“
„Da musste er ihr ja praktisch ein nicht nachweisbares Gift in den Drink rühren.“
„Davon weiß ich nichts! Er sagt, sie hätten sich gestritten und vor Aufregung hätte sie einen Herzinfarkt bekommen.“
Julia Radić schüttelte den Kopf. „Ein Infarkt wäre bei der Obduktion entdeckt worden. Dass er ihren Laptop entwendet und sich davongemacht hat, anstatt die Rettung zu verständigen, spricht auch nicht gerade für ihn.“
„Was hätte er denn tun sollen? Seit die Team Santé in Altenmarkt ihn wegen einer Kleinigkeit entlassen hat, ist er depressiv.“
„Kleinigkeit? Er hat Suchtmittel entwendet!“
Senta schniefte. „Immortelle war sein einziger Hoffnungsschimmer.“
„Verstehe. War der Investor zufrieden?“
„Einen Vorschuss hat er rausgerückt. Aber das Produkt war ja nicht fertig.“
„Da haben Sie sich hier eingeschlichen, um die Weiterentwicklung an sich zu bringen.“
„Ich hab doch nur beobachtet. Auf mich achtet ja niemand.“ Senta sah zu Boden.
„Sie Ärmste! Deshalb haben Sie einer Unschuldigen aus Raffgier die Kehle aufschlitzen müssen!“
„Nein!“, schluchzte Senta. „Ich hab nur den Schnapper an der Hintertür mit Gaffa-Tape verklebt, damit Jo reinkommt.“
Ob nun Senta Berger log oder Jo Graf – sie würden beide im Häfen landen.
Müde lehnte Julia Radić sich zurück und massierte sich die Sorgenfalten. Immortelle, dachte sie, das wär was …