Eine österreichische Apotheken-Gruppe

Das Attentat - Krimi von Sabina Naber

Teil 1

 

Vicky Fodor langweilte sich. Ihr Pedometer zeigte erst 8752 Schritte an, 15.000 hatte sie sich vorgenommen. Hoffentlich war ihr Knie bald vollständig geheilt, denn Joggen trainierte doch wesentlich effektiver als ein Marsch durch die Stadt. Sie wollte wieder in den Dienst gestellt werden, verdammt noch einmal. Und dann dieser Nieselregen! Ihr Blick fiel auf einen Schirm ein paar Meter weiter, den das Batman-Logo zierte. Er könnte Bekki gehören. Ihre alte Schulfreundin war eine Expertin für DC-Comics. Und er gehörte Bekki! Sie stand vor dem Eingang zum Kursalon und starrte in den grauen Himmel.

Vicky stürmte auf sie zu. „Bekki! Was machst du so fern der Heimat?“ Den Spruch hatten schon ihrer beider Eltern verwendet, wenn sie die Bezirksgrenze von Meidling überschritten hatten. Und nun standen in der Innenstadt von Wien, also mindestens fünf Kilometer vom elterlichen Grätzel entfernt.

„Hi, Vicky! Bist auf Verbrecherjagd?“

Sie umarmten sich innig. Vicky klärte ihre Freundin über ihr kaputtes Knie auf, Bekki wiederum schilderte, dass sie im Kursalon Hübner an einer großen Festveranstaltung ihres neuen Arbeitgebers teilnahm. „Weißt, ich bin jetzt bei der Schwenk-Apotheke im Amtshaus“ – die kannten sie beide bestens aus ihrer Kindheit – „und die gehört zu einer Gruppe von lauter eigenständigen Apotheken, Synergieeffekte und so, dem Team Santé. Und das macht einmal im Jahr eine große Feier mit allen Mitarbeitern. Auch der Putzkolonne.“

„Und du stehst da heraußen im Regen, weil du die Leute nicht magst?“

Bekki lachte. „Nein, ganz im Gegenteil. Die sind alle echt lieb. Ich kenn sie nur noch nicht so gut, weil ich erst eine Woche dabei bin, und du weißt ja …“

Vicky wusste. Bekki war ein scheues Reh, ein sehr scheues, und musste sich als solches bei Gesellschaften immer wieder Auszeiten nehmen.

„Aber ich muss eh wieder hinein, sonst glauben sie noch, dass ich was gegen sie habe. Und das tu ich ja nicht. Ich bin sogar echt froh, dass ich den Job hab. Weißt, die sind dort alle irrsinnig freundlich miteinander. Das kenn ich so gar nicht. Und mir haben sie gleich einen Platz in der Teeküche gegeben, weil sie gesehen haben, dass ich mit Kunden nicht so kann.“

„Du kochst Tee für die Belegschaft?!“

Bekki kicherte. „Nein, ich mische Tees zusammen. Ist meine Spezialität.“ Bekki sah zum Gebäude, dann zu Vicky. „Du brauchst sicher was zum Entspannen. Komm!“

„Sag, geht’s dir nicht gut? Ich kann da doch nicht so einfach …“

„Da sind über zweihundert Leute drin!“ Vor Panik erweiterte Augen. „Und ich sag … ich sag ihnen einfach, dass wir uns schon so lange nicht …. Bitte, Vicky!“ Feucht schimmernde Augen.

Und im nächsten Moment fand sich Vicky in einem wunderbaren Saal im Hübner wieder, mit einem Kaffee in der Hand und begrüßt von rund einem Dutzend freundlichen, fröhlichen Menschen, die angeblich überhaupt nichts dagegen hatten, dass sie, als beste Freundin Bekkis, sich ein wenig aufwärmte. Und man hätte ja nichts zu verheimlichen. Das bezweifelte Vicky, denn als Polizistin wusste sie, dass wirklich jeder Mensch Geheimnisse verbarg. Sie bekam einen Teller mit weißer Mousse au Chocolat in die Hand gedrückt, stellte fest, dass die Gruppe zu achtzig Prozent aus Frauen bestand, und lauschte den Prämierungen für die beste Auslage, die beste Akquise-Idee und andere betriebliche Erfolge.

Dann stellten sich drei Herrschaften vor die Gemeinschaft, worauf es sofort still wurde. Sie sprachen hauseigene Produkte und deren Erfolg bei den Kunden an. Schließlich sagte der Älteste: „Und nun zum Höhepunkt, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde! Wie ihr bereits alle wisst, haben wir ein neues Produkt entwickelt, einen Digestif, der jeden bekannten Schwedenbitter in den Schatten stellt.“ Er klatschte in die Hände. Es kamen zwei Kellnerinnen herein, jeweils mit einem Tablett voller Likörgläser, eine Rothaarige und eine mit einem Pferdegesicht, das Vicky irgendwie vertraut vorkam, doch sie wusste nicht, wohin sie es tun sollte.

„Und zur Feier des heutigen Tags dürfen wir ihn nun gemeinsam verkosten!“ Alle applaudierten. Alle nahmen sich.

Frau Fels, eine Kollegin Bekkis, gesellte sich zu ihnen. „Und? Sie beide vertrauen unserem Produkt nicht?“

Bekki wurde rot. „Ich trinke keinen … also …“

„Sie ist allergisch auf Alkohol“, sprang ihr Vicky bei. „Und ich mag an Bitterem nur Bier.“

Frau Fels erwiderte ihr Lächeln und trank den Magenbitter auf ex. „Da versäumen Sie aber etwas.“ Beschwingt ging sie zu einer fünfköpfigen Gruppe.

Der Gedanke an Bier hatte in Vicky einen Gusto auf dasselbe ausgelöst. Aber sie konnte niemanden vom Personal entdecken, also ging sie auf die Suche – Vorraum, zweiter, leerer Saal, zwei geschwungene Treppen ins Obergeschoß. Nun, wenn sie schon einmal hier war … Beeindruckt schlenderte sie durch das Haus, genoss den erhabenen Blick auf den Stadtpark – und erinnerte sich, dass sie ja eigentlich Bekki beistehen sollte, die jetzt sicherlich schon eine Viertelstunde alleine war.

Als sie den Saal wieder betrat, brach gerade ein Mann zusammen.

Wie in Zeitlupe sah Vicky, wie die Beine des Mannes einknickten und er mit einer Drehung zur Seite sackte. Er schlug mit dem Kopf gegen ein Tischbein, worauf die Gläser auf der Platte zu wackeln begannen. Eines fiel um und kollerte auf den Parkettboden. Es blieb seltsamerweise heil. Die Frau, die an diesem Tisch saß, betrachtete den am Boden liegenden Mann wie ein seltenes Tier. Sie schien überhaupt nicht zu verstehen, was da eben passierte.


„Oh, mein Gott!“ Bekki hielt sich die Hand vor den Mund und sah dann weg. Einmal mehr war Vicky froh, dass ihre alte Schulfreundin nicht wie geplant Ärztin, sondern Pharmazeutin geworden war. Ihre Seele war eindeutig zu sensibel.
Eine Gruppe unweit erschrak, wie man es eben tat, wenn jemand umkippte, und stürzte zu dem Mann. Sie redeten durcheinander und auf den Liegenden ein. Eine Frau tätschelte ihn und versuchte, die Krawatte zu lockern.
Vicky kniete sich zu ihr. „Ich bin Polizistin. Wir haben immer wieder …“


„Machen Sie ihm den Gürtel auf!“, sagte die Frau, die laut Team Santé-Schild Sabine Pütz hieß.
Vicky tat, wie geheißen. Währenddessen registrierte sie die Symptome: hochroter Kopf, Atemnot, Nasenbluten, Schweißperlen. Außerdem murmelte der Mann etwas von Übelkeit und Schwindel.
„Er hat mir erzählt, dass er seit neuestem unter Hypertonie leidet, aber da bekommt man doch nicht so eine Attacke!“

Sie konnte endlich die Krawatte abziehen. Dann nahm sie seinen Kopf in die Hände und redete auf ihn ein.
„Seine Pupillen“, meinte Bekkis Kollegin, Frau Fels, die sich ebenfalls zu ihnen gekniet hatte. „Sie sind geweitet.“
„Aber das … nein, er nimmt keine Drogen. Der Typ ist er nicht“, meinte Pütz.
Frau Fels zückte ihr Handy. „Ich ruf die Rettung.“
Frau Pütz sah Vicky an. „Stabile Seitenlage.“
Gemeinsam richteten sie den Mann ein.
Vicky ließ sich auf den Hosenboden plumpsen und wischte sich mit dem Ärmel der Weste den Schweiß ab, der ihr vor Aufregung aus allen Poren geschossen war. „Was macht man bei Bluthochdruck eigentlich? Wasser?“
„Wir machen gar nichts, das ist mir nicht geheuer. Es ist atypisch. Bluthochdruck ist doch eine chronische Sache, nicht eine akute. Außerdem die Pupillen …“ Sie stemmte sich in die Senkrechte und schüttelte nachdenklich den Kopf.
Ein Schrei erschütterte den Raum. Vicky sah eine junge Frau, die sich die Fensterfront zur Terrasse entlangdrückte.

Sie hatte weit aufgerissene Augen und betrachtete die Menschen um sie herum, als wären sie allesamt eine Mischung aus Frankenstein, The Brain und Gollum. Eine Frau ging mit erhobenen Handflächen auf sie zu, worauf die junge von ihr wegsprang, sich dabei in den Vorhang krallte und ihn mit dem nächsten Fluchtsprung abriss. Er fiel auf sie, kreischend versuchte sie, ihn zu entfernen, worauf sie sich noch mehr einwickelte. Ihre Schreie waren nun spitz und abgehackt.

Die ältere Frau versuchte, sie zu befreien, doch das Mädchen schlug wild um sich. Vicky, Frau Pütz und Frau Fels gesellten sich zu der älteren Frau und ein paar anderen. Sie hielten das Mädchen fest, aber es befreite sich boxend und huschte weiter die Wand entlang.
Bekki zupfte Vicky am Ärmel. „Schau einmal da drüben.“
Eine Frau tanzte selbstversunken nach der Loungemusik, die aus unsichtbaren Lautsprechern troff.
„Und da!“ Bekki deutete zur Bar.
Dort standen eine junge Frau und ein junger Mann einander gegenüber. Sie lächelten dämlich und fuhren mit einem Abstand von etwa zehn Zentimeter die Konturen des jeweils anderen ab. Es wirkte wie …. nun ja. „Korrigier mich“, bat Vicky, „aber das gehört doch nicht wirklich zu einer Firmenfeier am helllichten Tag.“
Eine andere Frau stampfte in wildem Rhythmus einen seltsamen Tanz, riss sich in der nächsten Sekunde den Blazer vom Leib, drehte Pirouetten.
Vicky sah sich weiter um. Unweit der Terrassentür stand eine etwa fünfzigjährige Frau, die auf irgendetwas in der Ferne starrte und mit erhobenem Zeigefinger deklamierte: „Zorn. Furcht. Aggressivität.

Die dunkle Seite der Macht sind sie. Besitz ergreifen sie leicht von dir.“ Ein Star Wars-Fan offenbar.
„Wir sind wunderbar!“, ertönte es aus der Mitte des Raums. Vicky sah einen Tisch mit fünf Frauen, die schnatterten, lachten, redeten, also eigentlich ganz normale Dinge taten, und dennoch wie ferngesteuert wirkten.
Die zwei Kellnerinnen betraten den Raum. Während die Rothaarige erstarrte, um dann rückwärts schleichend die Flucht anzutreten, servierte das Pferdegesicht seelenruhig eines der großen Tabletts ab.

Sie schien schon Schlimmeres erlebt zu haben.
Frau Fels trat neben Vicky. „Können Sie mir sagen, was da los ist?“
Vicky ließ noch einmal den Blick kreisen. Ihrer Einschätzung nach war die Hälfte der über zweihundert Team Santé-Angestellten von der Rolle und die andere Hälfte bestaunte das Rundherum. „Ich habe keine Ahnung.“
Sanitäter enterten den Raum. „Wo ist der Patient?“
„Suchen Sie sich einen aus“, meinte Bekki überraschend trocken.

Krimi Teil 3

Die Sanitäter hievten den noch immer hochroten Mann auf die Bahre und trugen ihn hinaus.

Der Notarzt musterte indessen die wilde Tänzerin und das Mädchen im Vorhang. „Was ist denn da bei Ihnen los?“, fragte er und sah der Reihe nach Vicky, Bekki, Frau Pütz und Frau Fels an.

Frau Pütz zog ihn kommentarlos zum verschleierten Häufchen Elend bei der Terrassentür.

„Da!“, rief Bekki. Sie zeigte auf eine Frau, die fotografierte.

Frau Fels stürmte zu ihr, die Fotografin setzte zur Flucht an, aber Frau Fels packte sie gemeinsam mit zwei anderen Team Santé-Mitgliedern und versuchte, das Objektiv abzudecken. Die Fotografin schrie etwas von Orgie und Drogenparty und Öffentlichkeit. Der Manager des Hauses erschien und schleppte sie nach draußen, wobei ihr die schwarze Perücke vom Kopf fiel und lange, blonde Haare zum Vorschein kamen.

Keuchend kam Frau Fels zurück. „Verdammt, woher hat diese Gaunerin gewusst, dass …?“

„Frau Fels“, unterbrach sie Vicky, „Ich glaube, das alles hier ist ein abgekartetes Spiel. Wer will Ihnen, also Ihnen allen schaden?“

Frau Fels zuckte mit den Schultern sowie auch rund ein Dutzend andere, die keine Symptome von Wahnsinn aufwiesen und sich um sie gesammelt hatten.

„Okay, ich bin Polizistin. Und es ist mein Job herauszufinden, was da nicht koscher ist. Helfen Sie mir?“ Nicken rundherum. „Gut. Offenbar haben wir es hier mit Drogenopfern zu tun. Darf ich Sie bitten festzustellen, wer tatsächlich Symptome aufweist?“

Wiederum nickten alle und schwärmten aus.

Vicky setzte sich an einen der verwaisten Tische und atmete einmal tief durch. Der ganze Wahnsinn hatte begonnen, als sie von ihrem Rundgang durch den Kursalon zurückgekehrt war. So weit, so gut. Was war vorher gewesen? Die Nachspeise, die Rede – ha! Die Verteilung des hauseigenen Magenbitters. Den hatten aber alle außer Bekki und sie getrunken. Wieso war also nur ein Teil der Gäste auf einem Trip? Hm, es waren zwei Tabletts gewesen.

Sie klatschte um die Aufmerksamkeit ihrer Sonderermittler. „Bitte stellen Sie soweit es geht auch fest, wer sich von welchem Tablett ein Glas vom Magenbitter genommen hat. Von der rothaarigen oder von der anderen Kellnerin.“ Wiederum Nicken.

Ja, denn das war die einzige Erklärung, die ihr momentan durch den Sinn ging: ein Tablett mit normalem Magenbitter, eines mit angereichertem. Doch womit war der Digestif versetzt geworden? Ihre Zeit als Streifenpolizistin war doch schon ein paar Jahre her, die Stippvisite bei der Drogenfahndung ebenfalls, und doch hatte sie so ein Gefühl: Ecstacy, die Partydroge schlechthin, die, gelinde gesagt, zu Verschiedenem anregte, aber auch Panikattacken und Herzrasen erzeugte. So viel zu dem armen Mann mit dem Bluthochdruck.

Bekki setzte sich zu ihr. „Du glaubst also, dass eine der beiden Kellnerinnen etwas in den Digestif gegeben hat?“

Vicky nickte und sah Frau Fels auf sich zukommen, die meinte: „Wie es scheint, steht ziemlich genau die Hälfte unter Drogen.“

„Irgendwelche Gemeinsamkeiten der Opfer? Selbe Apotheke? Oder einmal gemeinsam ein Seminar besucht? Irgendwas in der Art.“

Frau Fels lachte. „Bitte entschuldigen Sie, aber bei über hundertzwanzig Personen?“

„Gut, dann war es vom Täter ein Schuss ins Blaue. Gehen wir also die einzelnen Apotheken durch. Wären Sie so lieb und holen Sie von jeder einzelnen jemand Ansprechbaren und im besten Fall auch autorisierten zu mir her?“

Die nächste halbe Stunde verbrachte Vicky mit Schnelleinvernahmen von Vertreterinnen der Team Santé-Apotheken, wodurch sie so nebenbei eine Reise zu den schönsten Gebieten von Österreich absolvierte: in der Steiermark mit Leibnitz und Hausmannstätten, in Kärnten mit Villach, Klagenfurt und Wolfsberg, wo gleich zwei Apotheken Mitglied waren, Burgenland mit Eisenstadt, Niederösterreich mit Wiener Neudorf, Wien mit drei Mitgliedern und schließlich das Salzburgische mit Altenmarkt im Pongau. Von Frau Hahn aus Leibnitz erfuhr sie, dass der Synergieeffekt bei Organisation und Marketing erfreulich viel Zeit freisetze, die man für die individuelle, nein, viel mehr maßgeschneiderte Kundenberatung verwenden könne, die nun inzwischen das Markenzeichen der Team Santé-Apotheken sei. Sie hatte vor Begeisterung rote Wangen. Und Bekki nickte bei der Schilderung ununterbrochen freudig und bestätigend.

Frau Pütz aus Eisenstadt, wie sich nun herausstellte, schwärmte in derselben Tonart.

„Ja, das finde ich wirklich toll“, unterbrach Vicky sie. „Aber ist in letzter Zeit irgendetwas Außergewöhnliches vorgefallen? Wir suchen einen Täter, Frau Pütz!“

„Wenn Sie mich so fragen – eine angehende Krimiautorin war bei uns und hat recherchiert. Ich habe ihr alles gezeigt, habe ihr alles über uns und die Gruppe erzählt. Sehr nette Frau. Und sehr hübsch. Mit langen blonden Haaren.“

„Sehr schön.“ Vicky sah langsam jede Hoffnung dahinschwinden.

Frau Pütz bekam große Augen. „Sie hat mich übrigens ausführlich nach unserem Jahrestreffen hier und heute ausgefragt.“

„Lange, blonde Haare?“, fragte Bekki.

Vicky betrachtete die Schwarzhaarperücke, die beim Saaleingang lag.

 

Teil 4

Vicky stürmte aus dem Saal und suchte hektisch nach dem Manager des Kursalons. Der berichtete, dass er und seine Mannen die Bilder auf der Kamera der vermeintlichen Fotografin gelöscht, ihre Personalien aufgenommen und die Dame vor die Tür gesetzt hätten.

„Haben Sie auch ihr Handy kontrolliert?“

Ein mitleidiges Lächeln war die Antwort. „Was glauben Sie, was damals bei der After-Show-Party von Robbie Williams los war? Wir verstehen unseren Job.“

Sie fragte nach dem Namen der Frau, kehrte zu Bekki, Frau Fels und Frau Pütz zurück und gab Entwarnung. „Wenigstens hat das alles keine medialen Konsequenzen.“

„Wenn sie es nicht sofort über das Handy auf Facebook oder Instagram gestellt hat“, gab Bekki zu bedenken.

„So viel Zeit hatte sie nicht“, munterte Vicky die Runde auf. „Aber wer ist diese Helena Kadlec? Irgendwer hier muss sie kennen.“

Frau Pütz seufzte. „Bei mir hieß sie Sabine Raben. Und beides sagt mir nichts, weder Raben noch Kadlec.“

Vicky startete eine neue Runde mit allen Vertreterinnen der Team Santé-Apotheken und fragte sie nun nach den beiden Namen beziehungsweise nach einer etwa dreißigjährigen Frau mit langen blonden Haaren, die sich in jüngster Zeit in irgendeiner Form verdächtig benommen hatte. Das Ergebnis war erschütternd, da gleich null.

Der Notarzt gesellte sich zu ihnen. „Ich habe das Schleiermädchen ruhigstellen können. Klassische Panikattacke. Und ich habe auch die beiden Tänzerinnen in entspanntere Gefilde ihres Trips gebracht. Aber im Prinzip müssen da jetzt alle durch. Ich schätze, dass es sich um eine MDMA-Variante handelt. Höchstwahrscheinlich Ecstacy. Ich benötige jetzt bitte die Personalien aller Anwesenden. Missbrauch von Suchtmittel.“ Er wirkte sehr amtlich.

Frau Fels sprang auf. „Lieber Herr Doktor, das können Sie nicht machen!!!!“

Er zog die Augenbraue in die Höhe. „Sie irren, bei Missbrauch muss ich das sogar machen.“

Frau Fels setzte sich und versank mit ihm in ein getuscheltes Gespräch.

„Sie ist bei uns in der Schwenk-Apotheke für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig“, erklärte Bekki.

„Wir müssen das alles zu einem Offizialdelikt machen“, erklärte Vicky. „Sonst habe ich keine Chance, diese Raben oder Kadlec zu verhören.“

„Wenn Sie wirklich meinen“, murmelte Frau Pütz.

Sie versanken in Schweigen. Und Vicky suchte verzweifelt nach einem Ausweg, diese lieben Leute nicht in ein Ermittlungsverfahren involvieren zu müssen.

„Eine der beiden Kellnerinnen hat doch vielleicht was damit zu tun, hast du gemeint“, sagte Bekki zu Vicky, „und ich weiß jetzt, woher mir das Gesicht von der, die wie ein Pferd ausschaut, so bekannt vorgekommen ist.“

„Genau die ist mir auch bekannt vorgekommen“, jubilierte Vicky.

„Das ist das Gesicht vom alten Beranek. Von diesem grantigen, unhöflichen …“

„Arroganten, bissigen Besitzer der Stern-Apotheke“, ergänzte Vicky. Sie erinnerte sich bestens an ihren letzten Besuch ebendort, als der alte Beranek sie wegen ihrer pubertären Pickel verhöhnt hatte. Seitdem war sie mitsamt ihrer Familie konsequent die siebenhundert Meter weiter zur Schwenk-Apotheke marschiert.

„Und der hat eine Tochter, die Gerda. Das Pferdegesicht. Zwei Klassen oberhalb von uns“, fuhr Bekki fort.

„Die Kellnerin“, brachte es Vicky auf den Punkt. „Und die hatte doch eine Freundin! Die schöne Helena! Apotheke. Das passt doch! Wir müssen sie befragen!“

Erneut stürmte sie zum Leiter des Kursalons. Der ließ zwar sofort nach der Aushilfe suchen, doch die war verschwunden, mitsamt dem Tablett.

Bekki eilte zu ihr. „Ich habe ihnen von unserem Verdacht berichtet. Sie glauben es nicht, weil kein Apotheker so etwas machen würde.“ Sie verdrehte die Augen. „Komm! Worauf wartest du noch? Wir klären das jetzt!“

Kurze Zeit später verließen sie in Meidling die U-Bahn und rannten zur Apotheke des alten Beraneks. Sie war geschlossen. Die Räumlichkeiten konnte man mieten. Eine Seltenheit für eine Apotheke, die doch immer Nachfolger fand. Vicky studierte die Namensschilder des Zinshauses und stellte fest, dass die Beraneks selbst darin wohnten, wahrscheinlich sogar die Besitzer waren. Wild entschlossen klingelte sie bei sen. und kündigte sich als Polizistin an. Summerton. Im dritten Stock stand die Eingangstür offen. Im Kaminzimmer trafen sie auf den alten Beranek. Er lehnte müde in einem Ohrensessel und hatte ein Glas Whiskey in der Hand.

„Ich weiß schon, dass es nicht geklappt hat.“ Er hob die Hand und funkelte sie an. „Aber lassen Sie Gerda und Helena in Ruhe, die beiden können nichts dafür. Es war mein Plan.“

„Aber warum, Herr Beranek?“

„Konkurs. Diese Santé-Leute haben mir all meine Kunden abgezogen. Mit ihrer widerlichen, klebrigen Freundlichkeit. Sie sollten auch einfach einmal wissen, wie es ist, wenn einem keiner mag.“

„Vielleicht haben Sie die Kunden selbst einfach mit ihrer widerlichen Unfreundlichkeit vertrieben?“, meinte Bekki.