Eine österreichische Apotheken-Gruppe

Das Attentat von Sabina Naber Teil 2

Wie in Zeitlupe sah Vicky, wie die Beine des Mannes einknickten und er mit einer Drehung zur Seite sackte. Er schlug mit dem Kopf gegen ein Tischbein, worauf die Gläser auf der Platte zu wackeln begannen. Eines fiel um und kollerte auf den Parkettboden. Es blieb seltsamerweise heil. Die Frau, die an diesem Tisch saß, betrachtete den am Boden liegenden Mann wie ein seltenes Tier. Sie schien überhaupt nicht zu verstehen, was da eben passierte.


„Oh, mein Gott!“ Bekki hielt sich die Hand vor den Mund und sah dann weg. Einmal mehr war Vicky froh, dass ihre alte Schulfreundin nicht wie geplant Ärztin, sondern Pharmazeutin geworden war. Ihre Seele war eindeutig zu sensibel.
Eine Gruppe unweit erschrak, wie man es eben tat, wenn jemand umkippte, und stürzte zu dem Mann. Sie redeten durcheinander und auf den Liegenden ein. Eine Frau tätschelte ihn und versuchte, die Krawatte zu lockern.
Vicky kniete sich zu ihr. „Ich bin Polizistin. Wir haben immer wieder …“


„Machen Sie ihm den Gürtel auf!“, sagte die Frau, die laut Team Santé-Schild Sabine Pütz hieß.
Vicky tat, wie geheißen. Währenddessen registrierte sie die Symptome: hochroter Kopf, Atemnot, Nasenbluten, Schweißperlen. Außerdem murmelte der Mann etwas von Übelkeit und Schwindel.
„Er hat mir erzählt, dass er seit neuestem unter Hypertonie leidet, aber da bekommt man doch nicht so eine Attacke!“

Sie konnte endlich die Krawatte abziehen. Dann nahm sie seinen Kopf in die Hände und redete auf ihn ein.
„Seine Pupillen“, meinte Bekkis Kollegin, Frau Fels, die sich ebenfalls zu ihnen gekniet hatte. „Sie sind geweitet.“
„Aber das … nein, er nimmt keine Drogen. Der Typ ist er nicht“, meinte Pütz.
Frau Fels zückte ihr Handy. „Ich ruf die Rettung.“
Frau Pütz sah Vicky an. „Stabile Seitenlage.“
Gemeinsam richteten sie den Mann ein.
Vicky ließ sich auf den Hosenboden plumpsen und wischte sich mit dem Ärmel der Weste den Schweiß ab, der ihr vor Aufregung aus allen Poren geschossen war. „Was macht man bei Bluthochdruck eigentlich? Wasser?“
„Wir machen gar nichts, das ist mir nicht geheuer. Es ist atypisch. Bluthochdruck ist doch eine chronische Sache, nicht eine akute. Außerdem die Pupillen …“ Sie stemmte sich in die Senkrechte und schüttelte nachdenklich den Kopf.
Ein Schrei erschütterte den Raum. Vicky sah eine junge Frau, die sich die Fensterfront zur Terrasse entlangdrückte.

Sie hatte weit aufgerissene Augen und betrachtete die Menschen um sie herum, als wären sie allesamt eine Mischung aus Frankenstein, The Brain und Gollum. Eine Frau ging mit erhobenen Handflächen auf sie zu, worauf die junge von ihr wegsprang, sich dabei in den Vorhang krallte und ihn mit dem nächsten Fluchtsprung abriss. Er fiel auf sie, kreischend versuchte sie, ihn zu entfernen, worauf sie sich noch mehr einwickelte. Ihre Schreie waren nun spitz und abgehackt.

Die ältere Frau versuchte, sie zu befreien, doch das Mädchen schlug wild um sich. Vicky, Frau Pütz und Frau Fels gesellten sich zu der älteren Frau und ein paar anderen. Sie hielten das Mädchen fest, aber es befreite sich boxend und huschte weiter die Wand entlang.
Bekki zupfte Vicky am Ärmel. „Schau einmal da drüben.“
Eine Frau tanzte selbstversunken nach der Loungemusik, die aus unsichtbaren Lautsprechern troff.
„Und da!“ Bekki deutete zur Bar.
Dort standen eine junge Frau und ein junger Mann einander gegenüber. Sie lächelten dämlich und fuhren mit einem Abstand von etwa zehn Zentimeter die Konturen des jeweils anderen ab. Es wirkte wie …. nun ja. „Korrigier mich“, bat Vicky, „aber das gehört doch nicht wirklich zu einer Firmenfeier am helllichten Tag.“
Eine andere Frau stampfte in wildem Rhythmus einen seltsamen Tanz, riss sich in der nächsten Sekunde den Blazer vom Leib, drehte Pirouetten.
Vicky sah sich weiter um. Unweit der Terrassentür stand eine etwa fünfzigjährige Frau, die auf irgendetwas in der Ferne starrte und mit erhobenem Zeigefinger deklamierte: „Zorn. Furcht. Aggressivität.

Die dunkle Seite der Macht sind sie. Besitz ergreifen sie leicht von dir.“ Ein Star Wars-Fan offenbar.
„Wir sind wunderbar!“, ertönte es aus der Mitte des Raums. Vicky sah einen Tisch mit fünf Frauen, die schnatterten, lachten, redeten, also eigentlich ganz normale Dinge taten, und dennoch wie ferngesteuert wirkten.
Die zwei Kellnerinnen betraten den Raum. Während die Rothaarige erstarrte, um dann rückwärts schleichend die Flucht anzutreten, servierte das Pferdegesicht seelenruhig eines der großen Tabletts ab.

Sie schien schon Schlimmeres erlebt zu haben.
Frau Fels trat neben Vicky. „Können Sie mir sagen, was da los ist?“
Vicky ließ noch einmal den Blick kreisen. Ihrer Einschätzung nach war die Hälfte der über zweihundert Team Santé-Angestellten von der Rolle und die andere Hälfte bestaunte das Rundherum. „Ich habe keine Ahnung.“
Sanitäter enterten den Raum. „Wo ist der Patient?“
„Suchen Sie sich einen aus“, meinte Bekki überraschend trocken.