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                                 TEIL 4: Mit dem Eispickel ins Gehirn: Schnelloperation Lobotomie.
    Dr. Walter Freeman, Psychiater.
Ohne Handschuhe, ohne Desinfekti- onsmittel und gerne vor ZuschauerIn- nen stößt der US-amerikanische Psy- chiater Walter Freeman durch Elektro- schocks betäubten PatientInnen mit ei- nem Eispickel über den Augapfel hin- ein ins Gehirn und rührt dort kräftig um, um Nervenfasern in den Stirnlap- pen zu zerstören. Ziel ist die Persönlich- keitsveränderung der PatientInnen.
derts psychiatrische Standardtechnik. Etwa 3600 Operationen führte Free- man ab den 1940er Jahren durch, um Menschen mit schwerwiegenden psy- chischen Störungen zu therapieren. So wurde sie bei Depressionen, Psychosen, Schizophrenie, aber auch bei sozialer Aufsässigkeit angewendet. Folgen des Eingriffs waren unter anderem Apathie, Bewegungseinschränkungen, emotio- nale Probleme und Einschränkungen des Denkvermögens.
Dr. Walter Freeman und Dr. James W. Watts.
Lobotomie zur Kostensenkung
Hintergrund dieser menschenver- achtenden Erfolgsgeschichte war das Fehlen geeigneter Medikamente, der Glaube vieler NervenärztInnen, dass psychische Erkrankungen rein organi- sche Ursachen hätten, und die Tatsa- che, dass nach dem 2. Weltkrieg psych- iatrische Anstalten überfüllt waren und sich die Kosten für die Pflege psychisch Kranker mit der Lobotomie deutlich senken ließen.
Neuroleptikum statt Eispickel
Erst als 1954 das erste Neuroleptikum, das Halluzinationen und Wahnvorstel- lungen unterdrückte, auf den Markt kam, konnte der Siegeszug der Lobo- tomie langsam gestoppt werden. Welt- weit wurden bis dahin 100.000 Men- schen lobotomisiert und damit ihrer Persönlichkeit und manchmal auch ihres Lebens beraubt. p
Filmtipp: Einer flog über das Kuckucksnest von Miloš Forman.
  Mit Elektroschocks wurden PatientInnen betäubt, da- raufhin wurde ihnen ein Eispickel ins Gehirn gestoßen.
Soziale Aufsässigkeit „therapieren“
Was sich heute anhört wie ein Splat- termovie, war Mitte des 20. Jahrhun-
Der eigentliche Erfinder der Lobotomie, der Portu- giese Antonio Egas Moniz.
Nobelpreis und Lobomobil
Der eigentliche Erfinder der Loboto- mie, der Portugiese Antonio Egas Mo- niz, hatte 19 49 sogar den Nobelpreis erhalten. Freeman vereinfachte Moniz‘ Methode und tourte mit seinem „Lo- bomobil“, einem umgebauten Wohn- mobil, jahrelang durch die USA, um möglichst viele Menschen „behandeln“ zu können.
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  Serie:
 Wunderliche Heilmethoden
 3 Thema
   Abb.: Wikipedia













































































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